Dr. Holger Buschmann
Dr. Holger Buschmann, niedersächsischer Landesvorsitzender des Naturschutzbundes Deutschland e. V. (NABU). ©Ulrich Thüre

Moore sind in der Bodenkunde organische Böden (Bodensystematische Abteilung Moore gemäß AG Bodenkunde 2005), in der Biologie sind Moore Öko- oder Biotope und für den Geologen ist der Torf der Moore ein brennbares, organogenes Gestein, ein Kaustobiolith. Auch die Landschaftsökologie, die Ökologie, die Paläoökologie und viele weitere wissenschaftliche Disziplinen befassen sich mit dem Thema Moor. Entsprechend vielseitig gestalten sich auch die Moor-Klassifikationen. Doch eines haben zumindest die großen Hochmoore gemeinsam: Sie sind für den Natur- und Umweltschutz wertvolle Landschaftsbestandteile und ihr Torf ist zugleich ein begehrter Rohstoff für die Produktion von Pflanzerden. Ob es bei diesem Dilemma eine für alle Beteiligten befriedigende Lösung geben kann, fragte ahabc.de den Diplom-Biologen Dr. Holger Buschmann. Er ist der niedersächsische Landesvorsitzende des Naturschutzbundes Deutschland e. V. (NABU).

Was macht Moore aus biologischer oder ökologischer Sicht für einen Naturschutzverband wie dem NABU wertvoll? Sind es Flora und Fauna sowie ihre Funktion als Kohlenstoffspeicher oder gibt es noch weitere Gründe?

Dr. Buschmann: Seit vielen Jahrzehnten stehen die Hoch- und Niedermoore aufgrund ihrer besonderen Artenausstattung, der einzigartigen Lebensräume und der landschaftlichen Ästhetik im Fokus des Naturschutzes. Aber nicht nur das, sie spielen auch eine wichtige Rolle für den Wasser- und regionalen Klimahaushalt, den Boden- und Gewässerschutz, da sie Wasser und Nährstoffe speichern sowie oft Kältesenken darstellen. Erst in den letzten Jahren ist die globale Klimarelevanz immer deutlicher geworden. Moore bedecken nur ca. 3 % der Erde, beinhalten aber rund 30 % des terrestrischen Kohlenstoffs. Dies ist doppelt so viel, wie alle Wälder zusammen. In Norddeutschland kommen zwischen 10 und 30 % der Emissionen klimarelevanter Gase aus der Nutzung von Moorböden. Dies alles zusammen macht Moore zu einem der wichtigsten Themen des NABU.

Produzenten von Pflanzsubstraten nutzen Weiß- und Schwarztorf aus Mooren in Norddeutschland oder z. B. aus dem Baltikum und auch aus anderen Ländern für die Herstellung ihrer Substrate. Dabei ist in vielen Fällen von Nachhaltigkeit die Rede, da in Deutschland Torf nur aus schon seit Jahrzenten entwässerten und landwirtschaftlich vorgenutzten Moorflächen entnommen werde. Diese Art der Torfgewinnung soll anschließend in Deutschland die Möglichkeit bieten, durch Renaturierung ein genutztes Moor wieder in seiner ursprünglichen Funktion herzustellen. Ist dies aus Sicht des NABU realistisch oder lediglich eine politisch korrekte und werbewirksame Schutzbehauptung der Hersteller von Substraten? Und wie sieht es in den anderen Ländern mit dem Schutz der Moore aus, aus denen Torf nach Deutschland importiert wird?

Dr. Buschmann: Von Nachhaltigkeit bei der Nutzung von Torf zu sprechen, ist selbstverständlich nicht korrekt, da der Torf entnommen und aufgezehrt und nicht im gleichen Zeitraum wieder aufgebaut wird. Daher ist die Torfnutzung in Deutschland endlich. Allerdings ist es, so lang der Torf in seiner Nutzung noch nicht vollständig ersetzt werden kann, sinnvoller ihn in Deutschland aus degradierten und landwirtschaftlich vorgenutzten (ehemaligen) Hochmoorflächen zu entnehmen, als dafür noch intakte Moore in Skandinavien oder dem Baltikum trockenzulegen. Im Vergleich zur landwirtschaftlichen Nutzung auf diesen Flächen, ist ein Torfabbau aus Sicht des Naturschutzes nur dann vorteilhaft, wenn ein Resttorf verbleibt und die Flächen schon während des Abbaus so wieder vernässt und renaturiert werden, dass sich wieder wachsende Moore bilden können, die Kohlenstoff speichern und den Arten wieder eine Heimat geben. Um dem Klimaschutz vollständig gerecht zu werden, muss gleichzeitig die Menge des entnommenen Torfes durch Wiedervernässung und Renaturierung auf zusätzlichen Flächen gesichert werden. Für Niedersachen wurde ein solches Konzept über mehrere Jahre gemeinsam vom Industrieverband Gartenbau (IVG) und NABU entwickelt. Nur bei konsequenter Anwendung dieses Konzeptes kann ein Torfabbau für den NABU und für die Gesellschaft akzeptabel sein. Bei Weiterführung der landwirtschaftlichen Nutzung, egal ob extensiv oder intensiv, würde der Torf dagegen irgendwann vollständig aufgezehrt sein.

Gibt es nicht schon längst geeignete Torfersatzstoffe für die Herstellung von Pflanzsubstraten, die den Abbau von Torf und damit die Zerstörung des Bodentyps Moor 100-prozentig überflüssig machen?

Dr. Buschmann: Es gibt einige Torfersatzstoffe auf dem Markt, die allerdings in ihrer Menge nicht reichen, um den derzeitigen Bedarf an Torfen zu 100 % zu decken. Eine Besserung der Situation ist nicht in Sicht, da sich der Verbrauch an Torfen derzeit nicht reduziert, die Nutzung von Torfersatzstoffen in Konkurrenz zur energetischen Nutzung steht und Abnehmer der aus den Torfersatzstoffen hergestellten Substraten einen sehr hohen Qualitätsstandard fordern. In Niedersachsen wurde inzwischen ein „Torfersatzforum“ eingerichtet, bei dem Substrathersteller, Torfabbauer, Vertreter aus Einzelhandel, Landwirtschaft, Wissenschaft, Naturschutz und weiteren Institutionen an einem Tisch sitzen, um über die Weiterentwicklung und Nutzungsmöglichkeiten von Torfersatzstoffen zu beraten.

Die Stiftung Warentest hat im Jahr 2014 19 verschiedene Pflanzerden untersucht. Testsieger ist das torfhaltige Substrat „Kölle’s Beste Pflanz-Erde“. Nach Aussage der Pflanzen-Kölle Gartencenter GmbH & Co. KG wird Torf ausschließlich in Deutschland gewonnen, was einen nachhaltigen Abbau von Torf unterstütze. Die Gewinnung von Torf in Deutschland fände laut Kölle Gartencenter GmbH & Co. KG unter strengen Auflagen der Behörden auf nur zwei Prozent der deutschen Moorflächen statt. Bewirkt das Testergebnis beim Verbraucher nicht das Gefühl, durch den Kauf dieser von der Stiftung Warentest „abgesegneten“ Erde etwas für den Umweltschutz und insbesondere für den Schutz der Moore zu tun?

Dr. Buschmann: Eine ausschließliche Gewinnung von Torf in Deutschland ist kein Kriterium für Nachhaltigkeit. Die Auflagen der Behörden mögen in Deutschland zwar strenger sein als beispielweise in den baltischen Staaten, aber bisher bleibt der Aspekt des Klimaschutzes beim Torfabbau in Deutschland unbeachtet. Auch die Renaturierung der Flächen im Anschluss an den Abbau erfolgt nicht in allen Fällen nach den neusten Erkenntnissen und ist damit nicht immer erfolgreich. Zudem gibt es immer noch Flächen, die nach einer Abtorfung in eine landwirtschaftliche Nutzung überführt werden. Insofern kann man nur hoffen, dass sich der Verbraucher nicht durch solche Aussagen verwirren lässt.

Was kann jeder Gartenbesitzer oder Pflanzenfreund zum Schutz der Moore beitragen?

Dr. Buschmann: Der beste Schutz der Moore ist es, auf Torf im Garten vollständig zu verzichten. Schwierig ist es, an Pflanzen für den Garten zu kommen, die nicht mit torfhaltiger Erde aufgezogen wurden. Relativ einfach ist es allerdings, auf Torfersatzprodukte für die eigenen Balkon- und Gartenpflanzen umzusteigen, die inzwischen in fast allen Gartenbaumärkten angeboten werden. Im Gegensatz zu der landläufigen Meinung sind diese auch nicht wesentlich teurer. Wenn dann auch noch mehr Gartenboden, etwas Gartenkompost und weniger Torfersatzprodukt verwendet werden, spart man das Geld wieder ein, hat aber meist eine identische Wirkung bei den Pflanzen. Der NABU kooperiert diesbezüglich mit der Firma Neudorff, die ausschließlich Produkte ohne Torf vertreibt. Aber auch weitere Erdenhersteller machen sich derzeitig auf den Weg, torffreie Pflanzsubstrate herzustellen.

Was sollte die Politik für den Schutz der Moore tun?

Dr. Buschmann: Auch wenn Verbote ungern gesehen werden, sollte die Politik den Verbrauch an Torf schnellstens durch ein Verbot von Torfprodukten im Garten verringern. Beginnen muss dies bereits bei öffentlichen Gartenanlagen. So könnte der Verbrauch relativ schnell um 20-40 % verringert werden. Das bereits erwähnte Konzept von IVG und NABU zum natur- und klimaverträglichen Abbau von Torf muss Grundlage für alle kommenden Abbaugenehmigungen werden, damit auch der im Erwerbsgartenbau (z. B. Gemüseanbau) benötigte Torf so umweltverträglich wie möglich gewonnen wird. Darüber hinaus ist es aber genauso wichtig, die landwirtschaftliche Nutzung auf den Moorböden Deutschlands zu extensivieren (Extensivgrünland mit hohen Wasserständen) oder in Paludikulturen (beispielweise Schilfanbau, Torfmoosanbau) zu überführen. Hierfür muss die Forschung vorangetrieben werden und müssen Anreize sowie Möglichkeiten geschaffen werden. Da die Torfböden derzeit unter intensiver landwirtschaftlicher Nutzung stark abschmelzen, ist hier ein schnelles Agieren gefragt.

Wie sieht nach Ihrer Meinung die Zukunft der Moore in Deutschland und weltweit aus? Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma zwischen dem Schutz der Moore und deren Nutzung?

Dr. Buschmann: Mit den oben genannten Möglichkeiten, ließe sich zumindest ein wesentlicher Teil der Probleme in den Griff bekommen. Ob wir es jemals schaffen, eine Torfnutzung und Torfzehrung weltweit so weit zu reduzieren, dass der jährliche Verbrauch an Torf dem jährlichen Zuwachs entspricht, halte ich für fraglich. Es wäre allerdings ein gutes Ziel. In Deutschland sieht es bereits sehr schlecht um die Moore aus. Nur ungefähr 5 % der ehemaligen Hochmoore sind in einem naturnahen Zustand. Mit einem vernünftigen Konzept und einem beherzten Agieren von Politik und Gesellschaft könnte man allerdings das Potenzial deutlich erhöhen. Es wird darauf ankommen, dass die Verbraucher mittelfristig keinen Torf mehr nutzen und die Landwirtschaft ihre Nutzung von Moorböden anpasst und umstellt.

Ahabc.de dankt Herrn Dr. Buschmann für seine interessanten Antworten und wünscht ihm auch weiterhin viel Erfolg bei seiner Arbeit im Naturschutz.