Klasse: O/C-Böden ( WRB Leptosols oder Histosols)

Böden mit O/mC-Profil

Felshumusboden
Felshumusboden über Dachsteinkalk in den Berchtesgadener Alpen. ©Alexander Stahr

An exponierten Standorten in den Hochlagen der Mittelgebirge sowie im Hochgebirge (z. B. Nördliche Kalkalpen) finden sich Böden, die fast ausschließlich aus organischem Material bestehen. Auf Felsen oder Schutthalden siedeln sich erste Flechten und Moose an. Kommt allmählich ein Bestandesabfall aus Laub, Nadeln oder verholzen Pflanzenteilen der Vegetation (Streu) hinzu, bildet sich auf dem festen Gestein eine organische Auflage, die als Felshumusboden bezeichnet wird.

Insbesondere im Hochgebirge können sich mächtige organische Böden entwickeln. So domminieren etwa in den Nördlichen Kalkalpen (z. B. Berchtesgadener Alpen, Chiemgauer Alpen, Karwendelgebirge) Kalke- und Dolomite mit einem sehr hohen Reinheitsgrad an Carbonaten. Aufgrund dessen bleiben bei der Carbonatlösung durch Niederschläge (chemische Verwitterung) in der Regel kaum nennenswerte Verunreinigungen oder Nebengemenganteile (= mineralisches Residuum aus Ton) als Ausgangssubstrat für eine Mineralbodenbildung zurück. Unter Fichtenwald und Latschenkiefer (Pinus mugo) finden sich daher insbesondere in feucht-kühlen Schattenhängen des Hochgebirges mit verringertem Streuabbau auf Carbonatgesteinen oder deren Schutt fast torfähnliche, bis zu mehrere Dezimeter mächtige Humuslagen. Diese rein organischen Böden, sieht man von geringen Flugstaubbeimengungen ab, werden als Felshumusböden bezeichnet. Normfelshumusböden besitzen ein O/mC-Profil über Festgestein (WRB Lithic Leptosol oder Histosol). Der Großbuchstabe „O“ bezeichnet hierbei den organischen Bodenhorizont, „C“ das anstehende Gestein. Der Kleinbuchstabe „m“ steht für massiv oder nicht grabbar. Befinden sich organische Füllungen in Gesteinsklüften, so spricht man von einem Klufthumusboden. Zwischen diesen Bodentypen gibt es wie überall in der Natur fließende Übergänge. Schon die geringste Humuslage, die höheren Pflanzen ein Wachstum ermöglicht, wird in der Bodenkunde als Boden betrachtet. Es gibt also keine Mindestmächtigkeit für O-Horizonte.

Felshumusboden
Felshumusboden mit O/mC-Profil über silikatischem Gestein (Gneis) in den Walliser Alpen (Schweiz). ©Alexander Stahr

Der Bodenkundler unterteilt den O-Horizont – sofern es seine Mächtigkeit erlaubt – infolge des allmählichen Um- und Abbaus des organischen Materials durch Bodenlebewesen mit zunehmendem Alter in weitere Horizonte oder Lagen. Zuoberst befindet sich nicht oder nur wenig zersetzte Streu (Bestandesabfall), der L-Horizont („L“ von engl. litter = Streu). Darunter folgt ein Of-Horizont („f“ von fermentiert oder schwedisch Förna = vermodert). Unter diesem Horizont überwiegt bis zum Fels die organische Feinsubstanz im Oh-Horizont (h von humos). Aus einer bestimmten Abfolge von Humus-Horizonten ergibt sich die Humusform. Sie gibt dem Bodenkundler im Gelände erste Auskunft über die Qualität des Standortes hinsichtlich Nährstoffversorgung, biologischer Aktivität des Bodens, pH-Wert und Wasserhaushalt. Die dreigliedrige Horizontabfolge ist typisch für die Humusform Rohhumus. Im Kontaktbereich zwischen O- und C-Horizont aus Karbonatgestein kann es bei mächtigen Humuslagen im Hochgebirge zur Ausbildung eines Ovh-Horizontes kommen (v von vererdet). Dieser krümelige, sich teils auch etwas schmierig anfühlende Horizont wird bereits mehr oder weniger durch die Eigenschaften des anstehenden Gesteins beeinflusst. So steigt sein pH-Wert im Gegensatz zum Oh-Horizont des Rohhumus stark an. In diesem Fall spricht man von Tangelhumus, der in vielen Regionen der Nördlichen Kalkalpen anzutreffen ist. Der Begriff geht auf den österreichischen Bodenkundler Walter Kubiena (1897-1970) zurück, der sich in den 40er und 50er Jahren des 20. Jahrhunderts intensiv mit den alpinen Humusformen befasste.

Felshumusboden
Felshumusboden mit O/mC-Profil auf dem Taunuskamm (Rheinisches Schiefergebirge). ©Alexander Stahr

Hohe Humusanteile in Mineralbodenhorizonten wirken sich stabilisierend auf die Bodenstruktur aus. Die Felshumusböden der Alpen hingegen sind sehr erosionsanfällig, weil die organische Substanz nicht an Tonteilchen gebunden ist. Es fehlt die so genannte Ton-Humus-Kopplung. Eine Entwaldung hätte für diese Böden und das gesamte Ökosystem somit fatale Folgen. Denn der Aufbau neuer Humuslagen erscheint unter den derzeit gegebenen klimatischen Verhältnissen in ungeschützter Lage fast ausgeschlossen, da durch die hohen Niederschläge anfängliche Bildungsstadien abgeschwemmt würden. Selbst unter einem vor Austrocknung und Starkregen schützenden Kronendach einer Waldbestockung, die zugleich als Streulieferant dient, sind unter immergrünen Koniferen mindestens 30 Jahre zur Bildung einer nur 2,5 Zentimeter mächtigen Humusschicht nötig. Humusprofile von 20 Zentimeter Mächtigkeit entstehen unbeeinflusst frühestens nach rund 200 Jahren, während man bei organischen Auflagen mit einer Mächtigkeit um 35 Zentimeter von einer Bildungsdauer von etwa 700–1.400 Jahren ausgehen muss. Das Alter eines über 60 Zentimeter mächtigen alpinen Tangelhumus dürfte bei 3.000-4.500 Jahren liegen.

Eine Nutzung von reinen Felshumusböden durch den Menschen ist sicherlich ausgeschlossen. Für Bäume und Sträucher ist der Wurzelraum bei geringmächtigen Felshumusböden im Mittelgebirge zu stark eingeschränkt und bietet anders als die mächtigen Felshumusböden etwa des Alpenraums mit darauf stockenden Wäldern lediglich Gräsern, Kräutern, Moosen oder etwa Farnen einen Standort. Gelegentlich schafft es im Mittelgebirge ein Baum auf einem Felshumusboden zu keimen, führt dann jedoch eher ein karges Bonsaidasein. Nährstoffe werden durch Stäube und Niederschläge eingetragen. Insgesamt bieten Felshumusböden vor allem Spezialisten unter der Tier- und Pflanzenwelt einen relativ konkurrenzarmen Lebensraum.