Löß im Zeugenstand
Vor einiger Zeit hat sich folgender Fall zugetragen: In einem Ort nahe der hessischen Stadt Kassel wurde seit Tagen eine Frau vermisst. Man musste von einem Verbrechen, einem Mord ausgehen. Bei ihren Ermittlungen erfuhr die Polizei, dass die Frau am Tag ihres Verschwindens etwa 20 Kilometer von ihrem Wohnort zuletzt mit einem Bekannten gesehen worden war.
Die Polizei nahm den Mann fest und verhörte ihn. Doch dieser hüllte sich in Schweigen. Das legte natürlich den Verdacht nahe, dass er tatsächlich etwas mit dem Verschwinden der Frau zu tun hat. Aber ohne Leiche kein Mord und ohne Mord keine Inhaftierung und Anklage. Die Kripo hätte den Mann trotz des Verdachts laufen lassen müssen.
Da kam der Polizei "die" Idee: Das Auto des Mannes war kurz vor dem Verschwinden der Frau in der Werkstatt gewesen und dort hatte man den Kilometerstand des Tachometers notiert. Bei der Festnahme hatte sich der Kilometerstand um 100 Kilometer erhöht.
Aus der Entfernung zwischen dem Wohnort des Mannes und dem Ort wo er mit der Frau gesehen worden war, konnte die Polizei das Gebiet eingrenzen, in dem möglicherweise eine Leiche versteckt lag. Jedoch war dieses Gebiet noch ziemlich riesig. Man hätte es tagelang mit hunderten von Polizisten absuchen müssen.
Der Verdächtige hätte in dieser Zeit untertauchen können und die Aktion hätte viel Geld verschlungen. Im Radkasten des Autos des Mannes hing jedoch dicker Bodenmatsch, den es beim Werkstattaufenthalt noch nicht gab. Die Idee war nun, eine Bodenprobe aus dem Radkasten zu entnehmen und zum Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie nach Wiesbaden zu schicken.
Dort sollte ein Bodenkundler herausfinden von welchem Ort die Probe stammt. Wenn man dies herausfinden würde, wüsste man recht genau, wo der Verdächtige herumgefahren und wo letztendlich die Frau zu finden ist.
Die Bodenkundler fanden schnell heraus, dass es sich bei der Probe um kalkhaltigen Löß mit Sandsteinkörnern handelt. Der staubfeine, lockere Löß wurde während der letzten Eiszeit in gewaltigen Staubstürmen aus den Flussebenen Mitteleuropas herausgeweht und in einiger Entfernung davon teilweise meterhoch wieder abgelagert.
Löß besteht aus feinen Quarzkörnchen, Kalk und anderen Mineralien. Da die letzte Eiszeit schon rund 10.000 Jahre vorbei ist, wurde der Kalk an der Oberfläche der Lößablagerungen bis zum heutigen Tage ausgewaschen.
Die Bodenprobe war regelrechtes Pech für den Verdächtigen und die große Stunde der Bodenkunde, denn die Wiesbadener Forscher kennen ihr Hessenland recht genau. Ein Bodenkundler machte sich nun an die Arbeit das Gebiet, in dem der Verdächtige war, einzugrenzen. Löß gibt es in der Gegend vergleichsweise selten und der Bodenkundler zeichnete alle Lößvorkommen in eine Karte.
Die Bodenprobe der Polizei war kalkhaltig und musste somit aus größerer Tiefe stammen. Da kalkhaltiger Löß nicht aus natürlichen Gründen an die Oberfläche kommt, muss er herausgeholt, also abgebaut worden sein. Das machte man früher beispielsweise für die Ziegelherstellung und heute noch für die Herstellung von Heilerde.
Die wenigen Stellen, von denen die Bodenprobe stammen könnte, waren schnell ausgegrenzt und in der Karte des Bodenkundlers eingetragen. Die Polizei legte dem Verdächtigen die Karte vor. Und eine der eingezeichneten Lößgruben erkannte er sofort wieder. Da er nun wusste, dass die Polizei die Leiche der Frau dort schnell und ohne großen Aufwand finden würde, gestand er die Tat.
Empfohlene Schriftgröße: mittel.